1994. Zwischen Easy und Schauhaus. Ein Sonntagsommermorgen.

Es ist sieben Uhr morgens. Der Tag hat gerade begonnen und meine Freundin und ich sitzen auf der Rückbank des alten, grünen Wartburg, während das Kassettenfach das neue The Cranberries Album abspielt. Die Boxen dröhnen laut. Guten Morgen Welt, wie bist du schön.

No need to argue.

1994. Wir sind 17 Jahre, uns liegt die Welt zu Füßen. So fühlt es sich zumindest an. Ich bin heimlich verliebt in den Beifahrer, einem vier Jahre älteren Typen aus Lindenthal, und so hoffe ich, das die Fahrt noch ewig dauern würde. Der Kopf meiner Freundin rutscht langsam auf meine Schulter, sie ist trotz der lauten Musik eingeschlummert. Ihr Make-up ist schon etwas verrutscht, doch das macht sie in meinen Augen noch schöner. Weil ihr Gesicht von einer langen, durchtanzten Nacht erzählt. Von Spaß und Ausgelassenheit. Vom Leben. Ich bin mir sicher, dass auch meine Wimperntusche eine Etage tiefer gewandert ist und hoffe, nicht auszusehen wie ein übernächtigter Panda. Des Mannes vor mir wegen. Doch er schaut aus dem heruntergelassenen Fenster, blickt über das Kornfeld, welches die Straße säumt und lässt den Fahrtwind die Müdigkeit aus seinen Augen pusten. Das Morgengold der Sonne spiegelt sich in seinem Gesicht. Ich beobachte ihn heimlich im Seitenspiegel, wie er die Augen schließt, die Fahrt und Musik genießt.

Vor wenigen Stunden noch, haben wir uns einander festhaltend zu Purple Rain von Prince langsam im Kreis gedreht, während die Discokugel bunte Farbklekse über unsere verklärten Gesichter schummerte. Er war nicht viel größer als ich, und auch sonst ungewöhnlich filigran für einen Mann, doch ich hatte mich vom ersten Augenblick an in sein wunderschönes, markantes Gesicht mit den stechend blauen Augen verguckt. Und so seufzte ich an seiner Schulter und wünschte mir zum ersten Mal in dieser Nacht eine Unendlichkeit des Augenblicks. Doch schon rief der DJ krachend seine Parole über den Tanzflur und hip hoppend fanden sich die ersten Bewegungsmutigen zwischen den Paartanzenden ein. „Let’s talk about sex, baby. Let’s talk about you and me. Let’s talk about all the good things…“

Mein unbedarftes Ich wollte diese Zeilen Leben, doch die zuckenden Scheinwerfer und der Mann vor mir holten mich in die Realität und auf eine Armlänge Abstand zurück. Das Haus Auensee, damals noch Easy Auensee, machten es mir nicht so leicht und so zappelte ich zurück an die Bar in die vertraute Nähe meiner Freundin. Wir stießen mit Rosenthaler Kardarka auf unser Wohl und unsere Jugend an.

Später standen wir auf leicht wackeligen Beinen im Kellergeschoss des Schauspielhauses, am Ring der Leipziger Innenstadt. Abteilung Techno. Abteilung Freiheit. Abteilung Hemmungslosigkeit und Drogen. Die Tanzfläche war umzäunt von einer Art Gitter und dahinter knutschen und fummelten im Stroboskoplicht junge Liebeswillige. In meiner damaligen Naivität erkannte ich nicht die Eindeutigkeit mancher ihrer Bewegungen. Vielleicht wollte mein junger Geist auch noch nicht sehen, wie anonym Sex zwischen zwei Menschen in der Öffentlichkeit sein konnte. Vielleicht hinderte mich auch meine männliche Begleitung an der Erkenntnis, indem er mich aus dem Raum und auf die andere Tanzfläche geleitete. Dort ging es nicht weniger bunt, dafür gesitteter zu. Wir tanzten weiter bis uns die Levis 501 nass an den Schenkeln und unsere Shirts durchschwitzt am Körper klebten. Wir tanzten, bis die ersten hellen Lichter angeknipst und die schön-schummrige Atmosphäre des Schauhauses in grelles Licht getaucht wurde. Es wurde Zeit zu gehen.

Die Landschaft vor den Fenstern des Wartburgs wechselt von Feld zu Bäumen, zu vereinzelten Häusern und Wohnsiedlungen, die Straße teilt sich in eine Kreuzung.

But they say it will work out fine. The Cranberries schmachten noch immer wohlig aus blechernen Boxen und ich will mich von einem möglichen Abschied nicht einwickeln lassen. I knew, I knew. I’d lose you. Wir halten vor dem Elternhaus meiner Freundin an. Zart schüttele ich ihre Schulter und bedeute ihr, dass wir angekommen sind. Mit verschleiertem Blick drückt sie ihre Seite der Tür auf und verabschiedet sich mit einem müden Winken und leisem Danke von beiden jungen Männern. Ich tue es ihr gleich, nur viel langsamer. Er dreht sich zu mir um, sieht mich an und zwinkerte mir entschuldigend zu. Auf der Straße blicke ich den sich entfernenden Rücklichtern nach. Sein Arm erhebt sich aus dem Seitenfenster und hinterlässt seinen letzten Gruß an diesem Sonntagsommermorgen.

You’ll always be special to me. Special to me, to me. Will I forget in time…?

 

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