Sechs Wochen Shutdown – wenn sich der Optimismus mit der Hilflosigkeit abklatschen will.

Ein Beitrag von Mandy Kämpf.

Es war ruhig hier in den letzten Tagen. So ein Corona-Alltag nagt eben auch an uns. An unserem Gemüt, an unserer Kraft. Und beides möchte mit neuer Energie aufgeladen werden. Das haben wir auch getan. Das habe ich getan. Jetzt fehlt noch ein wenig Zeit, um all das aufzuschreiben, was erzählt werden möchte. Da Zeit jedoch nicht wie ein Akku geladen werden kann, sondern einfach verrinnt und vergeht, braucht es etwas länger, um Dinge entstehen zu lassen. Ich möchte ein wenig davon erzählen, wie sich die Menschen nach sechs Wochen Shutdown fühlen. Differenziert, ich kann nicht für alle sprechen. Nur für die, die mir nahestehen. Meine Familie. Mein Freundeskreis. Wir. Ich.

Sechs Wochen Shutdown. Sechs Wochen Kontaktbeschränkungen. Sechs Wochen leben auf Abstand. Sechs Wochen auf doppelter Armlänge Distanz zu Freunden und Familien. Wie geht es uns heute? Was macht die Isolation mit uns? Was der „neue“ Alltag?

Mein Whats-App-Verlauf ist voll von Nachrichten meiner Freunde, welche neben der Mut- auch die Perspektivlosigkeit packt. Virtuell und auch in den eigenen vier Wänden kullern Tränen. Ich nehme mich nicht davon aus. Der Alltag ist ein anderer geworden und die Dinge, über die ich mich in der Vergangenheit beschwerte, fehlen mir heute. Jeder Tag wird neu justiert und an den Momentzustand angepasst. 

„Ich komme mit der aktuellen Situation einfach nicht mehr klar!“, sagte mir unlängst eine Freundin. „Dieses Abwarten, nicht wissen, was kommt. Die Angst, den Job zu verlieren. Das ist alles zu viel für mich.“

„Ich bin für einen weiteren Monat ins Homeoffice verbannt worden. Die Schutzmaßnahmen im Büro können noch nicht zu hundert Prozent dargestellt werden. Mir fehlen meine Kollegen. Die Berührungen und das unbeschwerte öffentliche Leben. Ich bin Single und noch mehr allein, als schon davor. Wann hört das auf?“ Eine weitere Nachricht einer weiteren lieben Freundin.

„Weißt du, was mich am meisten erschüttert? Es ist diese Perspektivlosigkeit. Nicht zu wissen, wann und wie es weiter geht. Wie lange dieses Virus noch unser Alltagsleben in Anspruch nimmt und ob es jemals verbannt werden kann. Was, wenn es mutiert? Was, wenn es noch andere Auswirkungen hat, Spätfolgen, von denen wir nichts wissen. Ich komme damit einfach nicht klar.“ Frau und Freundin Nummer drei.

Gefangen zwischen Hilflosigkeit und Angst.

Ich könnte ewig so weiterschreiben. Geschichten erzählen, von Menschen wie du und ich. Geschichten von Lagerkoller und dem Corona-Blues. Sie alle eint vor allem zwei Dinge. Das eine ist die Angst. Das andere ist die Hilflosigkeit. Beides keine guten Begleiter. 

Doch was tun, um beide Gefühle – und nichts anderes sind sie – in die Schranken zu weisen, sie auf ein gesundes und erträgliches Maß zurechtzustutzen? Annehmen? Akzeptieren? Ich bin kein Psychologe, aus diesem Grund maße ich mir keine allgemeingültige Rezeptur an. Doch auch ich beherberge noch immer Monster unter meinem Bett und manchmal kriechen diese zwischen den Staubflusen hervor und versuchen meinen nackten Fuß zu packen. Ich wehre mich nicht mehr dagegen. Sie gehören zu mir. Ich weiß, dass sie irgendwann genug davon haben, meine Zehen zu kitzeln. Dann verschwinden sie meist wieder von selbst unter meinem Bett. Zwischen Staub und Vergessen. Bis zum nächsten Mal.

Gelingt mir das immer? Nein. Hilft mir dieses Wissen in der jetzigen Situation. Ja und nein. Oft genug schwanke ich zwischen: es ist okay und himmelarschundzwirn!

Momentan reicht es mir! Und mir reicht es nicht mehr aus, meine Freunde nur auf Distanz sehen zu können. Mir reicht es nicht aus, mich nicht mehr so frei bewegen zu können. Ich möchte meinen kleinen Alltag vor Corona zurück. Der, über den ich mich doch manchmal beklagt habe. Der mir aber die Möglichkeit gab, mich mit Freunden in einem Café zu treffen. Der mir wunderschöne Nachmittage mit meiner Tochter schenkte. Am Spielplatz. Mit ihren Freunden. Mit Kinderlachen und anderen Eltern. Menschen, mit denen man einfach mal einen Schwatz machen oder sich gegenseitig kurz in den Arm nehmen konnte. Mir fehlt meine Familie. Mir fehlen die Nachmittage bei meinen Schwiegereltern und die Abende, an denen wir gemeinsam bei Tisch saßen und bunt durcheinander plauderten. Mir fehlt der wöchentliche Besuch meiner Mama und der spontane meines Vaters. Es sind diese Dinge, die ich manchmal als selbstverständlich erachtet habe. Genau das fehlt mir heute am meisten. Mein Tagesrhythmus, meine Arbeit und in den letzten Tagen auch mein Optimismus. Damit bin ich nicht allein, das weiß ich und das sehe ich. 

Die Demut und das Anerkennen.

Andererseits lehrt mich diese Zeit etwas besonders. Demütig zu sein. Wir sind gesund. Wir können unsere eigenen vier Wände verlassen, wenn sie zu eng werden. Wir können vieles tun, auch unsere Lieben sehen, wenn auch auf Abstand. Das ist unglaublich viel – und viel wert. Ich sehe diese Dinge und doch klage ich manchmal auf hohem Niveau. Das ist menschlich und irgendwie auch wichtig. Und vor allem: es geht vorüber. Manchmal braucht es Zeit, manchmal ein Erlebnis, manchmal eine kleine Unterhaltung. So löste meine Schwägerin mit einem Satz den Knoten in meinem Hirn und auch ein bisschen den, in meinem Bauch. 

Sie sagte: „Versuche sinnvolles von sinnlosen zu unterscheiden.“

Das habe ich getan. Ich habe eine Entscheidung getroffen. Eine, von der ich heute weiß, dass sie gut ist, die sich aber morgen schon wieder in das Gegenteil wenden kann. Doch wer weiß heute schon, was gut und was schlecht ist. Wer kann sagen, was richtig und was falsch ist. So ist das Leben heute. Es ist ein Leben Moment. Es ist ein Leben im Heute, da niemand das Morgen kennt. Da niemand weiß, welche Botschaften uns noch erreichen werden. Welche Informationen und welche Neuigkeiten. 

Fakt ist, dass nach sechs Wochen Shutdown die Nerven blank liegen. Fakt ist, dass die Perspektivs- und Hoffnungslosigkeit zunehmen. Ich denke, dass der Mensch nicht für eine permanente Ziellosigkeit geschaffen ist. Er braucht Perspektiven und Mut, um sich in seinem Alltag zurecht zu finden. Er braucht die tägliche Portion Hoffnung, die ihn durch Krisen trägt.

Erstaunlicherweise habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Generation meiner Eltern diese Alltagsbeschränkungen besser wegstecken. So höre ich meinen Vater sagen, dass ihm natürlich der familiäre Kontakt fehlt, insbesondere der zu seinen Enkeln, doch ansonsten kommt er gut zurecht. Ihm fehlt es an nichts. Selbiges erfahre ich von den Eltern meiner Freunde. Mit einigen Ausnahmen. Natürlich. Doch woran liegt es, dass die Jahrgänge unter 1960 scheinbar besser zurechtkommen? Ist es ein Verzicht, den sie aus der Geschichte heraus schon einmal kennengelernt haben, weil sie teilweise den zweiten Weltkrieg miterlebt haben. Oder im hiesigen Teil Deutschlands, die DDR? Vielleicht können wir Jüngeren von ihnen lernen? Das Annehmen und Akzeptieren von Situationen, die wir nicht ändern können. 

Auf einen Kaffee mit der Gelassenheit.

Der Theologe Reinhold Niebuhr hatte irgendwann in den 1940er Jahren ein wunderschönes und heute sehr bekanntes Gebet für mehr Gelassenheit verfasst. Und egal, an wen oder was der Mensch glaubt, ob er überhaupt glaubt, so bringen diese Zeilen etwas Ruhe und vielleicht auch etwas mehr Besonnenheit in die heutige Zeit. Deshalb möchte ich meinen Beitrag für heute damit enden lassen.

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Einen Tag nach dem anderen zu leben,
einen Moment nach dem anderen zu genießen.
Entbehrung als einen Weg zum Frieden zu akzeptieren,
sie anzunehmen, wie Jesus es tat:
diese sündige Welt, wie sie ist,
und nicht, wie ich sie gern hätte,
zu vertrauen, dass Du alles richtig machen wirst,
wenn ich mich Deinem Willen hingebe,
sodass ich in diesem Leben ziemlich glücklich sein möge
und im nächsten Leben für immer überglücklich.
Amen.“

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