JETZT: will ich leben!

Ein Artikel von Mandy Kämpf.

Es ist gerade etwas ruhig geworden. Hier im Blog. Aber auch bei mir. Ich habe der Stille gelauscht. Ich wollte wissen, was sie mir zu erzählen hat. Ich habe nämlich das Jetzt gesucht, nachdem ich ständig im Nachher gelebt hatte. Die Wäsche muss noch gewaschen und der Einkauf will erledigt werden. Instagram und Facebook brauchen Content. Drei Artikel lauern angefangen, aber nicht fertig gestellt auf dem Desktop meines Laptops. Und dann hörte ich mich immer wieder zu meinem Kind sagen: 

„Warte mal, ich muss das noch schnell erledigen.“ 

Oder: „Das machen wir morgen. Mami hat gerade keine Zeit.“

Und noch viel schlimmer war, dass ich unsere gemeinsame Zeit gar nicht mehr richtig genießen konnte, weil ich ständig an nachher gedacht habe. Ich war ständig in Gedanken woanders, statt bei meiner Tochter. Deshalb: return to sender. 

Das Jetzt. Was ist das?

Was machst du gerade? Also ganz genau jetzt? Ich hoffe, du liest ganz in Ruhe meinen Artikel, hältst eine Tasse Kaffee oder ein Kaltgetränk in der Hand. Die Sonne scheint. Die Vögel trällern und du sitzt einfach da und liest. Kein nebenbei Konsum. Kein halbgelesen und am Inhalt vorbei. Kein Überfliegen der Zeilen. Einfach hier sein. Im Jetzt. Lesen. Genießen und zuhören. Vielleicht habe ich dir etwas Wichtiges zu erzählen? Vielleicht aber auch nicht. Das musst du selbst herausfinden.

Weißt du wie viele Jahre ich schon in der Zukunft lebe? Auch wenn diese Zukunft zwei Minuten oder zwei Stunden später stattfindet. Ich verbringe die meiste Zeit dort, wo ich noch hinwill. Nicht wo ich im Moment bin. Wie viele schöne Augenblicke habe ich verpasst? Wie viele Atemzüge unentspannt verbraucht? Und umso älter ich werde, umso weniger ruhe ich im Moment. Da sind tausend Dinge, die noch erledigt werden wollen. Der Puls steigt, die Atmung wird flacher. Stress! Ich renne. Ich springe. Denke. Räume. Mache Listen. Puh! Stop!

Das ist kein Leben, das ist ein Hamsterrad. Ich steige aus. Ich setze mich zu meiner Tochter ins Gras.

Bildquelle: http://www.pixabay.com

Geschichten vom Käfer.

„Mama, guck mal ein Käfer.“ Er trägt schwarze Punkte auf seinem roten Kleid und sitzt auf der Fingerspitze meines Kindes. Dann probiert er kurz seine Flügel aus, einen Wimpernschlag lang, und ein Sonnenstrahl trägt ihn davon. 

„Wo fliegt er hin?“, will meine Tochter wissen.

„Ich denke, er wird seine Familie besuchen.“, versuche ich eine mögliche Erklärung. „Es ist schon fast Zeit zum Abendessen, da wird er sich auf einen gedeckten Tisch freuen und auf Kuscheleinheiten mit Mama und Papa.“

„Mama?“

„Ja?“

„Müssen wir jetzt auch nach Hause?“

„Wenn du willst…?“

„Nein. Ich will hierbleiben.“

„Dann bleiben wir noch eine Weile.“

Mein Kind strahlt mich an. Dann lässt es den nächsten Käfer auf die Hand klettern. Das Kleid ist ähnlich, das Muster auch. Doch dieses Mal ist es eine Feuerwanze, die trotz intensivster Bemühungen meiner Tochter, nicht fliegen will, sondern immer wieder ins Gras abstürzt. Nach dem dritten Versuch steht sie samt Wanze auf und trägt diese zum nächsten Baum.

„Was machst du?“, frage ich.

„Der Käfer sagt, er will nach Hause.“

Lächelnd beobachte ich mein Kind. Ich denke daran, wie ich ihr vor wenigen Wochen erzählt habe, dass Feuerwanzen hinter der Baumrinde leben. Sie haben dort ihre Wohnungen über ganz viele Etagen, bis hoch zum Baumwipfel. Winzige Fahrstühle bringen die Krabbeltiere in ihre eigenen vier Wände. Dort wohnen sie mit ihren Familien.

Und immer, wenn wir keine Feuerwanzen an den Bäumen gefunden haben, habe ich ihr davon erzählt, wie diese gerade zu Mittag essen oder bei einer Tasse Kakao und Kaffee zusammensitzen. Und dass sie sicher bald wieder herauskommen. Das hat sie sich gemerkt. Meine Zweijährige. Mein schon so großes Mädchen.

„Mama?“

„Ja?“

„Der Käfer will nicht mehr laufen.“

Ich stehe auf und schaue nach. Die Feuerwanze liegt regungslos auf der Baumwurzel. Etwas platter als normal. Kleine Kinderfinger sind manchmal stärker, als sie wollen.

„Ach“, sage ich, „der Käfer will sich bestimmt kurz ausruhen. Vielleicht ist der Fahrstuhl kaputt und er wohnt ganz oben im Baum. Da muss er ein wenig Kraft sammeln, um hinauf zu kommen. Wir lassen ihn einfach etwas schlafen.“ 

Dann nehme ich mein Kind hoch und küsse sie auf die vom Spielen gerötete Wange. Ihre staubigen Füße hinterlassen graue Streifen auf meinem sonnengelben Kleid. Jetzt bist du ein Zebra, lacht mein Mädchen nachdem sie meinen Blicken gefolgt ist. Ja, das bin ich wohl. Und das glücklichste Zebra der Welt – im gelb-grau gestreiften Kleid.

Bildquelle: http://www.pixabay.com

Ich will nicht perfekt sein. Ich will leben.

Bist du noch da? Liest du noch mit? Überlegst du gerade, ob ich es tatsächlich geschafft habe, aus dem Hamsterrad auszusteigen? Ich will ehrlich sein. Mir bleibt noch ganz oft die Luft weg, vor lauter Strampelei. Vor lauter Dies und Das und Jenes. Doch fast genauso oft, hole ich ganz tief Luft und versuche, mich zurückzuholen. Ins Hier. In das Jetzt. Ich muss nicht alles schaffen. Ich muss nicht jeden Punkt auf meiner To-Do-Liste abhaken. Ich bin ein Mensch. Ich bin nicht perfekt. Denn schlussendlich ist es das, was uns Lebenszeit und Ruhe nimmt. Das Streben nach dem Perfekt sein. Dem immer besser sein. Stop!

Ich halte an. Ich setze mich in Gedanken wieder auf die Wiese zu meiner Tochter und beobachte staunend, was alles zwischen Gänseblümchen und Grashalmen krabbelt. Ich finde neue Geschichten und erzähle diese. 

Ich komme zur Ruhe. Für mich. Für meine Tochter, für dieses warme, weiche Gefühl im Bauch, wenn sie später an ihre Kindheit zurückdenkt. Für uns. Für meine Familie. Hier und Jetzt. Und wisst ihr was. Es ist toll einfach zu sein. Im Moment. Der Rest kann liegen bleiben. Auch die Wäsche.

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