Muttertät. Der Prozess des Mutterwerdens

Sie gräbt den Kopf tief in das Kissen, damit ihre Kinder nicht das Schluchzen hören, welches mit jedem Atemzug aus ihrer Kehle emporsteigt. Die Haare kleben ihr strähnig im Gesicht, Tränen und Rotz vermischen sich und sie fühlt sich noch schmutziger, noch kraftloser und noch weniger fähig, das richtige zu tun. “Du bist Mutter. Du musst.“, hämmert es in ihrem Kopf. Eine Endlosschleife von Gedanken. Unzuträgliche, schwere Gedanken.

Ihr erstes Kind, ihre Tochter ist zwei Jahre. Sie ist ein absolutes Wunschkind. Von beiden, ihrem Ex und ihr. Der Kleine ist kurz danach passiert. Weil sie nicht wusste, dass man so kurz nach einer Geburt wieder schwanger werden konnte. Da war niemand, der sie aufgeklärte. Ihre Mutter nicht und auch nicht die Gynäkologin, der sie sich anvertraute.

Zwei Kinder. Ein Mädchen und ein Junge. Das pure, das wahre Familienglück. So hatte sie es gelernt. Was ihr aber niemand sagte, war die Tatsache, dass sich ihr Leben grundlegend verändern sollte. Das keine Zeit mehr blieb, um tanzen zu gehen. Das alte Freunde gingen, um Platz für neue zu schaffen. Weil sie selbst neu wurde. Aber diese neue Frau, die kannte sie noch nicht. Die war ihr fremd. Die war auch ihrem Mann fremd. Die Vertrautheit als Paar bekam Risse.

So hatte er sich sein Leben nicht vorgestellt, sagte er ihr eines Tages. Da war sie im achten Monat schwanger mit ihrem zweiten Kind. Er würde keine Luft mehr bekommen, zwischen Windeln, Wutanfall und den Hormonschwankungen seiner Frau.

Nein, sie war ihm nicht böse, als er ging. Sie verstand ihn nur zu gut. Hätte sie vorher gewusst, was es bedeutet Mutter zu sein, sie hätte bestimmt gekniffen. Sie hätte ihr Leben gelebt und die Verantwortung nur für sich allein getragen.

Nun hatte sie keine Wahl. Nun musste sie laufen lernen. Allein. Und sie läuft. Jeden Tag. Und sie weint, jeden Tag. Sie weint vor Freude über die ersten Schritte ihres Sohnes und darüber, wie die gerade ein Jahr ältere Schwester ihn an der Hand führt. Sie weint vor Erschöpfung und Schlafmangel. Sie weint mit, als ihr Mädchen sich das erste Mal die Knie aufschlägt und lacht, dass die Tränen ihr über die Wangen rollen, als die Große dem Kleinen seine erste Frisur verpasst. Mit der Papierschere, die sie unachtsam hatte liegen lassen. Zuletzt kullert eine Wut-Träne über sich selbst, weil sie in ihrem ganzen Tun Dinge vergaß. Fahrig wurde. Und weil viel schlimmere Dinge hätten passieren können als eine verpatzte Frisur.

Muttertät. Der Ursprung.

Das deutsche Wort für englischen Begriff Matrescence. Der Prozess des Mutterwerdens.

„Muttertät ist eine Lebensphase, die uns Frauen hormonell, körperlich und psychisch massiv verändert. Sie beginnt mit der Schwangerschaft und dauert dann ungefähr zwei Jahre. Sie ist ein Hormonchaos vom Feinsten, genau wie die Pubertät.“

So schreibt es Susi auf ihrem Blog Hey Sister! Und lässt damit zwei Doulas* – Natalia und Sarah aus München – zu Wort kommen.

“Wir hören oft die ambivalenten Gefühle, die Frauen empfinden, sobald sie Mütter werden. Wir hören es nur ganz leise, weil sie sich dafür oft schämen und denken, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Es ist mehr als Babyblues, aber (noch) keine Depression…“

Der ganze Artikel ist eine Herzensempfehlung und hier nachzulesen:
#muttertät: Let’s spread the message

Das unendliche Gefühlschaos

Sie streicht sich die feuchten Haare aus dem Gesicht und trocknet ihre Tränen. In der einen Ecke ihres Schlafzimmers liegt ein Berg schmutziger Wäsche, in der anderen eine pippifeuchte Decke, die sie noch nicht weggeräumt hat, weil die Zeit gerade einmal für Frühstück und Spielplatz gereicht hatte. Für ein Mittagessen und drei Geschichten, bevor beide Kinder Hand in Hand für ein kurzes Schläfchen einnickten. Sie lächelte. Dann kamen die Tränen. Dann die Scham.

Sie schämt sich dafür, nicht stark genug zu sein. Sie schämt sich für ihre schlechten Gedanken, ob sie ohne ihre Kinder besser dran gewesen wäre. Dabei sind beide ihr größtes Glück, aber auch oft ihr tiefstes Tal. War sie noch normal?

Sie schnieft. Ein leises Klopfen an der Schlafzimmertür lässt sie aufhorchen, sich gerade hinsetzen und kurz mit dem Pulloverärmel über das Gesicht reiben.

Da stehen sie, ihre große Kleine und noch immer hält sie ihren kleinen Bruder an der Hand, der auf wackeligen Beinen durch die Tür und direkt in ihre Arme stolpert.

„Mama weint?“, fragt ihre Tochter.

„Ja!“, sagt sie ehrlich. Denn das wollte sie immer sein. Ehrlich. „Mama weint.“

Eine kleine Hand streicht ihr zärtlich über die Wange. „Heile, heile Gänschen Mama.“

Es ist eine extrem ambivalente Gefühlswelt, die eine Mutter erst in der Schwangerschaft und dann mindestens in den ersten beiden Lebensjahren ihrer Kinder durchlebt. Nicht selten ähneln die Hochs und Tiefs einer Depression und manchmal wird eine daraus. Weil die eigene Anforderung an das Muttersein weit über die gesunde Grenze hinaus geht. Weil Sandkastenmütter nicht nur Freude, sondern auch Ziele teilen. Weil Mütter nichts verkehrt machen wollen und auf ihrer Suche nach dem einen richtigen Weg die Kraft verlieren weiterzugehen, statt auf ihren eigenen Weg abzubiegen. Mütter werten und bewerten. Mütter vergleichen. Online und Offline. Ein Artikel von 2018 beschreibt die zuckersüße Welt der Instamoms – hier nachzulesen: Mutterschaft ist kein rosa Designermäntelchen. Aber auch den leichten Anflug von Neid auf dieses Puderzuckerleben. Das oftmals keines ist.

Der Muttertag.

Wäre es nicht viel schöner und lebensleichter, wenn wir nicht in die Wickeltasche der anderen Mütter schauen, sondern tief in ihre Augen? Wenn wir einander verstehen, auch wenn wir die Ansichten der anderen nicht teilen. Jeder Mensch, jedes Kind und jede Mutter, ist ganz individuell. Und die meisten haben Hände, die man einander reichen kann. Zum

festhalten, miteinander tanzen, Wärme geben. Vielleicht sollte dieser ursprüngliche Muttertag wieder in das Zentrum unserer Gedanken rücken. Der Tag, an dem sich Mütter zu aktuellen Fragen austauschen.

Geprägt von der US-Amerikanerin Ann Maria Reeves Jarvis, die im Jahre 1865 versuchte, eine Mütterbewegung namens Mothers Friendships Day zu gründen. Auch in Europa entstanden ab 1860 diverse Frauenbewegungen und -vereine, die sich für Friedensprojekte, Frauenrechte und für bessere Bildungschancen für Mädchen einsetzten.

Die Methodistin Anna Marie Jarvis, die Tochter von Ann Maria Reeves Jarvis gilt jedoch als Begründerin des heutigen Muttertags. Am 12. Mai 1907 veranstaltete sie ein Memorial Mothers Day Meeting. Das war der Sonntag nach dem zweiten Todestag ihrer Mutter. Im darauffolgenden Jahr wurde am zweiten Maisonntag wieder allen Müttern eine Andacht gewidmet.

Anna Marie Jarvis setze sich nun hauptberuflich das Ziel, einen offiziellen Muttertag zu schaffen und startete eine Initiative für die Einführung eines offiziellen Feiertags zu Ehren der Mütter. Der Muttertag wurde somit ab 1909 in 45 Staaten der USA gefeiert. Am 8. Mai 1914 erließ der US-Kongress die Joint Resolution Designating the Second Sunday in May as Mother’s Day: Als Zeichen der Liebe und Verehrung der Mütter solle der 2. Sonntag im Mai als Muttertag gefeiert werden. Doch mit steigender Verbreitung und Kommerzialisierung des Muttertags wandte sich die Begründerin des Feiertages von der Bewegung ab, bereute, diesen ins Leben gerufen zu haben, und kämpfte erfolglos für die Abschaffung des Feiertages. (1)

Anerkennung als bunter Blumenstrauß

Nein, sie erwartet am Muttertag keinen Blumenstrauß von ihren Kindern. Doch sie freute sich darüber, wenn ein Sträußchen Gänseblümchen ihr Küchenfensterbrett schmückt. Nicht an dem einen Tag, sondern überhaupt. Sie sieht die Bemühungen ihres Exmannes, den Kindern wenigsten an einem Wochenende im Monat Papazeit zu schenken. Sie freut sich über die Kiste Wasser, die ein Nachbar vor ihre Tür stellt und genießt stillschweigend das Stück Sahnetorte von Oma Müller unten rechts im Haus. Deren Kinder schon Kinder hatten, die älter als sie selbst waren. Und sie weint vor Rührung, als ihre Freundin, selbst Mama von einem Sohn, ihr anerkennt, was sie leistet. Wie liebevoll sie mit ihren Kindern umgeht – und ihr einen Gutschein für ein gemeinsames und kinderfreies Eisessen-Date zusteckt. Weil ihr Mann auf die Zwerge aufpassen wird.

Mütterherzen hüpfen bei jeder Anerkennung ihres Mutterseins. Dazu bräuchte es keinen Muttertag. Doch könnten wir Frauen den Ursprungsgedanken wieder feiern, als Tag, an dem sich Mütter miteinander austauschen und vor allem anerkennen? Vielleicht sollten wir auch einfach Bollerwagen ziehend und Blubberwasser schlürfend mit ein paar anderen Müttern durch die Viertel der Stadt und Straßen der Dörfer ziehen. Uns umarmend, zuhörend, mitfühlend. Weil wir stark sind, auch wenn wir uns schwach fühlen.

Weil wir mit liebendem Herzen Fehler machen.

#Muttertät

(1) Quelle: Wikipedia

Ein Kommentar zu “Muttertät. Der Prozess des Mutterwerdens

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